Entwicklung der Verzierungstechnik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts für die historische Posaune
Obwohl die historische Posaune in Verzierungslehren für Gesang, Zink, Viola da Gamba und andere Instrumente häufig als mögliches Ausführungsinstrument mitgedacht wird, steht sie in keiner der Quellen zum Passaggiare des 16. und frühen 17. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Dies ist bemerkenswert, da sie aufgrund ihrer flexiblen chromatischen Zugtechnik und ihrer Fähigkeit zur Nachahmung der menschlichen Stimme zu den vielseitigsten und am weitesten verbreiteten Instrumenten ihrer Zeit zählt.
Das Forschungsvorhaben setzt an dieser Lücke an und untersucht die historische Verzierungspraxis für die Posaune im Zeitraum zwischen Sylvestro Ganassis La Fontegara (1535) und Francesco Rognoni Taeggios Selva de varii passaggi (1620). Dazu werden die Methoden und Techniken aus sechzehn zeitgenössischen Primärquellen auf die historische Posaune übertragen und praktisch erprobt.
Im Zentrum der Untersuchung stehen Fragen nach der Eignung einzelner Verzierungsquellen für die historische Posaunentechnik sowie nach den Möglichkeiten ihrer instrumentenspezifischen Umsetzung. Analysiert wird insbesondere, unter welchen Voraussetzungen Verzierungsmittel wie accento, tremolo, trillo, groppo, intonatio, tirata, Kadenzmodelle und cadenze per finali auf der historischen Posaune realisierbar sind. Dabei werden Faktoren wie Notenlänge, Tonumfang, Artikulation und die Nachahmung gesungener Texte berücksichtigt.
Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer bislang fehlenden Referenzarbeit zur historischen Verzierungspraxis auf der Posaune. Durch die detaillierte Analyse von Anleitungen, Verzierungsbeispielen und musikalischen Modellen aus sechzehn Primärquellen sowie deren praktische Anwendung werden neue Erkenntnisse für die historisch informierte Aufführungspraxis gewonnen. Auf diese Weise leistet das Vorhaben einen Beitrag zu einem vertieften Verständnis der historischen Posaune aus einer konsequent aufführungsbasierten Perspektive.
Erstbetreuerin: Prof.in Dr.in Anne Marie Dragosits, ABU
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Bernhard Rainer, KUG/mdw
Biografie
Henry Van Engen ist ein deutsch-amerikanischer Tenor, historischer Posaunist und Forscher mit Schwerpunkt auf der Musik der Renaissance und des Frühbarock. Er studierte an der Schola Cantorum Basiliensis, der Hochschule für Musik Trossingen sowie dem Oberlin Conservatory of Music. Seine Forschungsarbeit mündete unter anderem in Publikationen zu Michael Praetorius’ „italienischer Manier“ sowie in die erste englische Übersetzung von Herbsts wegweisendem Traktat Musica Practica (1642).
2026 erschien sein Debütalbum Imperial Arias mit dem Basler Ensemble Le Filigrane. Die Aufnahme präsentiert mehrere neu entdeckte Werke aus dem Wien des 18. Jahrhunderts für Mezzosopran, Posaune und Orgel. Bereits 2024 war er Artist in Residence auf Schloss Weißenbrunn, wo er sich mit schriftlich überlieferter und improvisierter Ornamentik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts beschäftigte.
Als Sänger und Posaunist konzertiert Henry Van Engen regelmäßig mit renommierten Ensembles wie Concerto Scirocco, I Fedeli, Le Miroir de Musique, La Fonte Musica, Innsbrucker Hofmusik, Capella Helvetica und Celesti Fiori. Seine Einspielungen erschienen bei Labels wie Ricercar, Linn, MSR Classics, Raumklang, Amadeus, ARS Produktion und Ossa. Zu den bedeutenden Projekten zählt die mit einem Gramophone Award ausgezeichnete Aufnahme Krasinski Codex: 15th Century Music from Cracow.